Tradition – oder um wen geht es?

Ich gestehe, dass ich eher ein traditioneller und kein moderner Christ bin. Ich besuche Gottesdienste und je traditioneller Liturgie und Ablauf sind, desto wohler fühle ich mich. Das ist der eine Teil meiner Religiosität. Ich bete aber auch frühmorgens auf Twitter mit. Eine Art Gottesdienst, der sich über mehrere Threads hinzieht. Zwischen 6 und 7 Uhr geht es meistens los. An jedem Tag. Interesse? Hier kann mitgemacht werden (Twitter-Account ist Voraussetzung): #twaudes. Digital und traditionell passen offenbar zusammen. Und „mein Kirchenhaus“ ist so wunderbar! Diese glatten und kahlen Kirchengebäude sind nicht meins.

In dem befreundeten Blog caro-glaubt.de las ich die interessante These, dass die Gestaltung eines Kirchenraums auch immer etwas mit dem Leben in der Gemeinde und der Art und Weise, wie dort Gottesdienste gefeiert werden, zu tun hat. Und der katholische Pfarrer aus der Nachbarschaft meinte in einem Gespräch mit mir, „Ihr seid die katholischste Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde, die ich kenne“. Stimmt wohl. Sehr oft jedenfalls.

Liturgie und Abendmahl

Die meisten Gottesdienste feiern wir sehr liturgisch und immer nach dem gleichen Ablauf. Wir sprechen die gleichen Gebete und folgen der festgelegten Gottesdienstordnung – die nicht nur in unserem Gottesdienstausschuss verteidigt wird. Was (für evangelische Kirchengemeinden) etwas ungewöhnlicher zu sein scheint, wir feiern fast in jedem Gottesdienst das Abendmahl. Das ist existenzieller Bestandteil und für mich der schönste Moment, die Anwesenheit des Heiligen Geistes in Gemeinschaft zu spüren und zu wissen, dass Jesus Christus, der Auferweckte, unter uns ist.

Und auch unsere Gottesdienste zu besonderen, hohen Feiertagen (Ostern, Weihnachten) lassen es traditionell krachen. Und ich liebe das. Und ich möchte das gar nicht anders haben. Ich fühle mich dabei so richtig wohl! Das Dumme ist: Es geht nicht um mich! Es geht um Gott. Es geht um Verkündigung! Es geht um Mission. Es geht um die Öffnung für und um Teilhabe möglichst vieler Menschen!

Und wie sehen unsere traditionellen Gottesdienste für Gäste aus?

Wenn es schon nicht um mich geht: Was denken Gäste von uns? Schon länger denke ich über eine „einladende Kirche“ nach. Also, über eine Kirche, von der sich auch Menschen angezogen fühlen würden, die nicht sonntags (zur besten Familienfrühstückszeit) in die Gottesdienste kommen.

Mal abgesehen von ein paar Softskills, die schnell umsetzbar wären:

  • Begrüßung an der Kirchentür per Handschlag durch Pastorin/Pastor (oder kommunikatives Mitglied des Kirchengemeinderates).
  • Die ausgewählten Lieder, sind auch für ungeübte Sänger*innen leicht singbar.
  • Die Gebetstexte liegen öffentlich aus.
  • Es gibt mehr Ansagen, was jetzt zu tun ist.
  • Das „Kirchencafé“ findet im Anschluss tatsächlich in der Kirche statt (Platz ist im hinteren Bereich genug).
  • „Neue Gesichter“ werden angesprochen und zum Kirchencafé eingeladen. Im Kirchencafé sitzen nicht immer dieselben Klüngfel zusammen.

Welchen Rahmen muss unsere Kirche bieten, damit auch andere Menschen, andere Generationen teilnehmen würden? Oder ist dieser Gedanke bereits auch ein Fehler? Ist ein Gottesdienst, ist eine örtliche Kirchengemeinde noch das Zukunftsmodell für Kirche? Wird Kirche in ferner oder gar nicht mehr so ferner Zukunft, viel mehr digital sein? Gemeinschaft digital? Was wird dann aus dem Abendmahl? Ich muss noch darüber nachdenken, diskutieren und mehr wissen. Ich bin sehr gespannt, was unter kirchenentwicklung.de 2020 so zu lesen sein wird. Ich bin auch gespannt, ob ich in meiner Gemeinde dafür Gesprächspartner*innen finden werde.

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