Schweigen ist keine Option

Eine kurze Reflexion über männliche Verantwortung

Die Geschichten von Gisèle Pelicot und Collien Fernandes zeigen, wie mutig Frauen sich gegen sexualisierte Gewalt wehren. Was ihnen widerfahren ist, will ich hier nicht ausführen – aber es ist wichtig, dass wir diese Realitäten anerkennen.

Diese Beispiele haben mir noch deutlicher vor Augen geführt: Wir Männer müssen aktiv werden. Denn wir sind Teil eines Systems, das solche Gewalt ermöglicht – und das macht uns mitverantwortlich. 

„Ja, nicht alle Männer sind Täter – aber alle Männer profitieren von einem System, das Gewalt ermöglicht.“ Die Täter sowieso. Aber auch die, die wegschauen, grinsen oder zwar angewidert sind, aber schweigen. Schweigen bedeutet Billigung. Und das können wir nicht länger zulassen. Wir können das ändern und müssen es tun!

Eine Anekdote

Zu viert betreten wir ein kleines Restaurant in unserem Viertel: Gemeinsam mit meiner Frau, unserer Tochter und ihrem Freund. Wir setzen uns, der Kellner – ein alter Mann – begrüßt uns und verteilt die Speisekarten. Nicht so ganz. Bei unserer Tochter bleibt er stehen, fasst sie an der Schulter an und hält ihr die Karte hin. Sie greift zu – er zieht sie weg. Sie greift wieder zu – er zieht sie erneut weg. Das Spiel wiederholt sich.

Ich denke: „Wie doof.“ Doch dann höre ich meine Frau, klar und bestimmt: „Es reicht!“

Erst in diesem Moment wird mir bewusst, wie falsch mein eigenes Verhalten war. Warum habe ich nicht sofort reagiert? Ich hätte sagen können: „Hören Sie, ich bin auch ein alter Mann – warum machen Sie Ihre ‚Scherze‘ nicht mit mir auf Augenhöhe?“ Oder noch direkter:„Lassen Sie das. Das ist unangemessen.“

Stattdessen habe ich es weggelächelt. Wie so oft wird eine Grenzüberschreitung bagatellisiert: „Er wollte doch nur witzig sein.“ „So schlimm war es ja nicht.“  – wir alle kennen diese Ausreden.

Das tut mir sehr leid!

Ich war wirklich schockiert. Schockiert über mein Verhalten. Gleichzeitig war ich sehr beeindruckt von meiner Frau, die in dieser Situation schnell, mutig und konsequent gehandelt hat! Den ganzen Abend habe ich über meine Untätigkeit nachgedacht. Der Kellner war mir schon früher negativ aufgefallen. In diesem Restaurant werde ich kein Gast mehr sein.

Heute sage ich: So etwas darf nicht mehr passieren.

Egal, ob an meinem Tisch, am Nebentisch, im Bus oder in der Hochbahn. Und auch Sätze wie „Lächel doch mal!“ – die fast ausschließlich Frauen zu hören bekommen – müssen aufhören.

Warum das wichtig ist:

Ich vergleiche sexistische Sprüche nicht mit den Verbrechen von Männern an Frauen. Es  gibt aber eine Verbindung: Eine Kultur, die Belästigung verharmlost und nicht Ernst nimmt, schafft den Nährboden für schwerere Gewalt. Studien zeigen, dass 55 % der Frauen ab 15 Jahren sexuelle Belästigung erleben – im Erwachsenenalter sind es über 70 %.1

Stichwort Intersektionalität: Nicht alle Frauen erleben Gewalt gleich. Frauen mit Behinderungen, POC-Frauen, queere Menschen, Frauen mit Migrationshintergrund sind oft besonders betroffen.

  1. https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/studien-und-positionspapiere.html ↩︎