Rassistische Freunde

Ich habe Freunde. Nun, das ist noch nicht das Problem. Zum Problem wird es, da ich erkenne, dass es sich um Rassisten handelt. Nein, keine dumpfen Nazis oder so genannte „deutsche Patrioten“.  Genau das „Deutsch“ ist das Problem. Scheinbar. Offensichtlich.

Meine Freunde haben seit Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft, sind in der Türkei geboren und leben seit 27 Jahren in Hamburg. Also keine Ausländer. Doch natürlich ein bisschen für die Nachbarn noch immer Ausländer. Und eben auch aus dem eigenen Verständnis heraus („Wir Türken mögen …“). Ansonsten aber sehr gut in der Gesellschaft angekommen. Gute Jobs, Sportverein, kommunalpolitisches Engagement, deutsche Freundinnen und Freunde mit und ohne Migrationshintergrund. Zwei Kinder, die das Gymnasium besuchen. Die Urlaubsziele heißen nicht automatisch nur Antalya sondern Henne Strand, Mallorca, Barcelona und Arcachon.

Sie sind Muslime, die nicht in die Moschee gehen, nicht im Ramadan fasten und das Fastenbrechen (Bayram) groß feiern. Und das mit Freundinnen und Freunden genauso gerne wie Weihnachten. Alles sehr schön und ohne hässliche Störungen. Ach ja, heute muss man natürlich auch erwähnen, dass sie den islamistischen Terror verabscheuen.

Vor einigen Wochen änderte sich etwas. Sie waren verschlossener. Traurig.

Wie konnte sie uns das antun?

Viele Fragen. Wie sollen wir das unserer großen Familie erklären? Wie stehen wir jetzt da?

OMG. Was ist passiert? Die Tochter wurde im Dezember 18 Jahre alt. Das ist keine Katastrophe. Zur Katastrophe wird das erst, wenn sie einen Tag später ihren Eltern ihren Freund präsentiert.

Okay, das ist wahrscheinlich für viele Eltern (abhängig vom Alter) zunächst eine gewöhnungsbedürftige Situation und nicht alle Eltern sind mit dem Präsentierten glücklich oder wenigstens einigermaßen zufrieden. Vielleicht gibt es sogar Aversionen und Bedenken. Und sicherlich gibt es auch in dem einen oder anderen Fall berechtigte Zweifel an der Auswahl. Da müssen alle Eltern durch.

Zurück zu unserer 18-jährigen A. und ihren Eltern. Wie konnte sie uns das antun? Was nun eigentlich genau?

Der auserwählte Prinz war ein junger Mann, 20 Jahre alt und er hatte einen schweren Mangel. Ihm fehlte der Migrationshintergrund. Er war kein Türke.

Ich war überrascht und hatte das Problem gar nicht richtig erfasst, da war ich schon mittendrin. Ich sollte meinen Freunden einen Gefallen tun. „Bitte sprich mit A. und auch mit dem Deutschen. Das geht so nicht und wir werden das nicht akzeptieren. Welche Schande!“

Wie bitte? Ich sollte mit dem Deutschen sprechen?!? Schande?!?
Das war ein unruhiger Abend.

Ich sprach tatsächlich mit A. Eine liebenswerte junge Frau, die genau weiß, was sie möchte. Studium, ein gutes Verhältnis zu Ihren Eltern und der Familie und … genau diesen jungen Mann.

Es gibt in dieser Geschichte noch kein HappyEnd. Die Geschichte hat ja gerade erst begonnen. A. ist fest entschlossen und will sich Ihre Liebe nicht zerstören lassen.

Wie bereits oben erwähnt, kommt so etwas in vielen Familien vor. Manchmal wird es gute Gründe geben, oft ist es nur die Angst, das Kind zu verlieren und sicherlich auch mangelnde Kompetenz im Umgang mit der Situation.

Es gibt aber auch Gründe, die rassistisch motiviert sind. Auch das ist für mich nicht neu. Vor vielen Jahrzehnten musste sich eine Nachbarstochter sagen lassen: „Komm mir nicht mit einem N… nach Hause“.

Wir sind im 21. Jahrhundert. Wir leben in Hamburg, einer Stadt mit mehr als 250.000 Menschen anderer Staatsbürgerschaft. Und es handelt sich um meine Freunde. Die ich sehr gut kenne. Oder? Hier zeigt sich gerade eine dunkle Seite. Ich bin enttäuscht. Rassismus hat so viele Gesichter.

Ich wünsche A. viel Glück mit P.


Aktualisierung: 11. Dezember 2017
HappyEnd! A. & P. haben sich und sind glücklich.
Ich freue mich.
Es bleibt ein Nachgeschmack.

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