Normal in Freiheit leben

Es wird Zeit für eine neue Definition der Freiheit! Wir werden Rechte hergeben müssen. Das wird mitunter schmerzlich sein. Das werden nicht wenige Menschen beklagen. Wir werden auch trauern dürfen. Wir müssen das trotzdem tun!

Ich unterhielt mich unlängst mit zwei sehr jungen Frauen über den Klimanotstand. Das war sehr interessant und hat mich inspiriert. Im Verlauf des Gesprächs, fiel der Satz: „Toll, wir und die Generation unserer Kinder werden nicht mehr normal leben können, weil deine Generation es voll krass übertrieben hat.“ Meine Generation? Das sind alle Menschen, die über 30 Jahre alt sind. Das wird mit 18 Jahren so gesehen. Ich erinnere mich noch daran.

Somit war eigentlich und unabhängig von einer Diskussion über die Gnade der späten Geburt (anderes Thema, andere Baustelle), schon alles geklärt. Nicht? Nicht! Ich stolperte über das Wort „normal“ (… nicht mehr normal leben können, …).

Was ist normal?

Ich bin bis vor ein paar Jahren auf den Autobahnen, auf denen es erlaubt und möglich war, gerne 200, 210 km/h schnell gefahren. Manchmal sogar noch schneller. Mit dem Flugzeug bin ich oft unterwegs gewesen. Auto und Flugzeug: beruflich und privat. Urlaube im Süden oder auf Inseln. Geschäftsreisen in Deutschland. Ganz normal!

Es ist einfach zu erkennen: Dieses „normale Leben“ ist Bestandteil des Problems. Noch konkreter: Dieses „normale Leben“ ist das Problem! Wollen wir unseren Kindern und nachfolgenden Generationen tatsächlich diese Normalität erhalten? Ich bin mir sehr sicher, dass das nicht funktionieren wird und die jungen Menschen wissen das längst.

Schuld

Schuld trifft uns alle, ganz besonders ein Wirtschafts- und Agrarsystem, das völlig aus dem Ruder gelaufen ist. In dem Unternehmen das Wohl von Menschen, Tieren und Umwelt gleichermaßen auf das Unwürdigste, hemmungsloser Ausbeutung und Zerstörung unterordnen. Ausbeutung, Zerstörung, Kriege, Pandemien, Tierquälerei, Krankheiten, Artensterben, schmelzende Gletscher in einer unvorstellbaren Dimension! Wir „brandschatzen“ unsere Erde und verbrauchen Energie und Rohstoffe, die für uns oftmals durch Gewalt gesichert werden, als hätte das keine Konsequenzen – ganz normal! 

Die Sucht nach Wachstum und immer größeren Gewinnen tötet. Die Gier nach Macht und Geld ist eine Todsünde und eine Geißel! Wir lassen es zu, das Arme ärmer und Reiche reicher werden – ganz normal!

Entscheidung

Das reicht jetzt? Na gut, die Aufzählung muss nicht vollständig sein. Ich erhebe hier auch nicht den Anspruch, Lösungen zu präsentieren. Diese Kreativität und das Know how habe ich nur eingeschränkt. Ich bin mir jedoch sehr sicher, dass wir die beschriebene Normalität aufgeben müssen. Heute noch! In ganz großem Stil, in Deutschland, in Europa und in allen Ländern. Sehr konsequent und mit neuen Wertmaßstäben. Es wäre gut, wenn wir auch dafür einen Expert:innenrat mit Wissenschaftler:innen hätten, der die Politiker:innen bei der Entscheidungsfindung berät.

Einschränkung der persönlichen Freiheit

Wer das als Einschränkung seiner persönlichen Freiheit versteht, hat die Schwere und Bedeutung erkannt und kann sich darauf einstellen. Veränderungen sind erforderlich. Bei Manchem was wir liebgewonnen haben, ist ein kompletter Verzicht erforderlich. Es ist nicht weniger als der Verlust einer Freiheit, einfach so weiterzumachen. Basta! Es gibt dazu keine Alternative! Wenn die Meeresspiegel durch abtauende Gletscher und Eismassen ansteigen gibt es kein „bisschen Veränderung“ mehr. Wenn der Golfstrom abkühlt verändern sich das Wetter und unsere Lebensgrundlagen radikal.

Klimanotstand anerkennen

Normal in Freiheit leben, müssen wir neu erfinden. Das wird nicht einfach, es lohnt sich aber! Wir müssen den Klimanotstand anerkennen und umgehend handeln. Die jungen Menschen, die heute in Fridays For Future organisiert sind – allen voran Greta Thunberg – und die für ihren Schulstreik Spott und häßliche Häme geerntet haben („Geht zur Schule und lasst das mal die Profis machen“.), haben es uns gezeigt. Danke dafür. Was für eine Hoffnung für die Zukunft!

Verbote

Auch Verbote sichern Freiheit – ganz normal! Wer das Wort Verbote scheut, hat es nicht verstanden. Mit diesem vermeintlich unangenehmen Wort – die Steigerung davon ist das Schimpfwort „Verbotspartei“ – verbinden wir nichts Gutes. Dabei leben wir jeden Tag mit Verboten und finden das meistens gut und richtig. 

  • Anderen auf die Nase hauen – verboten!
  • Häuser anzünden – verboten!
  • Auf der Autobahn wenden – verboten!
  • Geldscheine nachmachen – verboten!
  • Ohne Fahrschein mit der Bahn fahren – verboten!
  • Keine Steuern bezahlen – verboten! (ähm, das gilt nicht in jedem Fall)

Freiwillig geht schon jetzt

Übrigens war ich an den Weihnachtsfeiertagen auf der Autobahn unterwegs. Die Höchstgeschwindigkeit war nur auf wenigen Abschnitten reglementiert und ein Tempolimit gibt es immer noch nicht. Trotzdem habe ich mir ein eigenes Tempolimit verordnet und auch eingehalten: maximal 120 km/h. Das hat knapp vier Liter Benzin auf 100 Kilometer eingespart. Das sind etwa 30 Prozent weniger. Und ich werde mich bei kommenden Fahrten, mit meinem persönlichen Tempolimit auf 100 km/h steigern!

Ich weiß, dass ich die Welt damit nicht retten werde. Es macht aber etwas mit mir!