Das Spiegelei

Nein, in diesem Beitrag geht es nicht um Eier oder Hühner in Freilandhaltung. Bio oder Güteklassen und Größenangaben (L bevorzugt). Es geht auch nicht um veganes Essen oder um eine Haltung dazu. Dazu nicht!

Haltung im Kulturkampf

Wie so oft, ist eine persönliche Entscheidung erforderlich. Gleichgültigkeit ist keine gute Haltung. Gleichgültigkeit wird nicht akzeptiert. Zu diesem Thema gibt es immer eine Position.

Na klar, es geht ums Gendern

Was das Gendern mit dem Spiegelei zu tun hat? Bitte abwarten, weiterlesen. Später dann zuhören und gerne nachsprechen.

Wie alles begann

Feministische Positionen zeigten sich auch in der Sprache streitbar. Große Debatten wurden dazu geführt. Es ging auch hier bei dem Sprachgebrauch nicht um eine einfache Lust an neuen Worten. Es ging schon damals um Anerkennung, Respekt und Gleichberechtigung auf Augenhöhe. Frauen wollten durch das Maskulinum nicht einfach mitgemeint sein. Gleichberechtigung zeigte eine Machtfrage auf, die bis heute nicht geklärt ist. Neben der Sprache fehlte es an Frauen in Führungspositionen und in bestimmten Berufen. Die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern in gleichen Jobs bei gleicher Leistung ist ebenso eine solche Machtfrage. Immer noch!

Bei mir persönlich war das irgendwann in den 1970er Jahren. Wir diskutierten als junge Erwachsene über das „große Binnen-I“ (BäckerIn). Sternchen, Unterstriche oder Doppelpunkte waren noch kein Thema. Es ging in diesen Jahren auch „nur“ um die Berücksichtigung der beiden Geschlechter Frau und Mann. Wenn ich mich daran erinnere, was damals meine Position war … Nein, ich möchte mich gar nicht so genau daran erinnern. Ich habe ja auch das Recht auf Läuterung und umfassende Einsicht. Und so ist es auch gekommen. Es gab dazu ein harmloses Schlüsselerlebnis:

Mein Schlüsselerlebnis

Gleich zu Beginn eines Seminars bei meiner damaligen Arbeitgeberin sollte ein Kennenlernen-Steckbrief ausgefüllt werden. Name, berufliche Stationen, Ausbildungen … Bei meinem Namen war ich noch ganz zuversichtlich, diese Aufgabe schnell erledigen zu können. Aber, es kam anders. Dieser Steckbrief hatte nämlich ausschließlich weibliche Bezeichnung, die ich ankreuzen konnte. Also zum Beispiel: Arbeiterin, Angestellte, Beamtin. Ich saß vor diesem Blatt und stutzte und für einen Augenblick verlor ich tatsächlich die Übersicht. Suchend nach den „richtigen“ Angaben (Arbeiter, Angestellter, Beamter) drehte ich das Blatt um. Erfolglos, das ging immer so weiter.

Und nun dämmerte es langsam in meinem Gewohnheitskopf. Na klar. So mussten sich Frauen ständig fühlen. Wahrscheinlich hatten sich Frauen bereits sehr früh in ihrem Leben daran gewöhnt und hatten diese Schwierigkeiten nicht mehr. Zufrieden konnten sie damit sicher nicht sein und waren es ja auch nicht.

Die Lektion hat gesessen und wirkt bis heute nach. Das „große Binnen-I“ war ab sofort mein Standard. Es sollte aber noch mehr hinzukommen.

Sternchen. Doppelpunkt. Unterstrich.

Das „große Binnen-I“ wird nur noch selten verwendet. Durchgesetzt haben sich das Gendersternchen * (Bäcker*in) oder der Genderdoppelpunkt : (Bäcker:in). Der Unterstrich wird seltener verwendet, da er schlecht lesbar ist. Das gilt besonders, wenn der Text gleichzeitig ein (unterstrichener) Link ist (Bäcker_in). In der Google-Suche werden Doppelpunkt und Sternchen bevorzugt. Das gilt auch für Tools, die Texte vorlesen und Doppelpunkt und Sternchen eindeutig als Genderaussage erkennen.

Neutrum

Vereinzelt ist auch eine neutrale Verwendung zu finden. Beispiel: Statt „Radfahrer:in“ kann es auch „Radfahrende“ heißen. Die Verwendung eines Neutrums wird jedoch auch in der feministischen Bewegung eher kritisch diskutiert. Ich persönlich finde es sprachlich etwas hölzern. Besonders dann, wenn es mit dem eigentlich korrekten Artikel „das“ verwendet wird. „Das Radfahrende“ klingt für mich sehr fremd.

How many Geschlechter?

Es gibt nur zwei Geschlechter? Wir sind heute schlauer und aufgeklärter. Wenigstens haben wir die Chance dazu. Die geschlechtliche Identität ist viel, viel bunter! Es muss also mindestens ein drittes Geschlecht her: Dafür wurde der Name Divers gefunden. Der Brüller ist das nicht. Ist nun aber so. Dabei handelt es sich mehr um einen Sammelbegriff. Das soll bitte nicht despektierlich klingen.

Mit sexueller Orientierung hat das nichts zu tun. Heterosexuelle und homosexuelle Männer sind „männlich (er/ihm)“. Für Frauen gilt das entsprechend genauso: „weiblich (sie/ihr)“. Das ist nicht Divers. Was also ist Divers?

Divers

Einem dritten Geschlecht (Divers) zugehörig, bezeichnen sich Menschen selbst, die sich nicht einem binären Geschlecht (männlich, weiblich) zuordnen lassen möchten und sich zu einer nonbinären Geschlechtsidentität bekennen und zugehörig fühlen. In der Definition ist zurzeit noch viel Bewegung und Diskussion. 

Der Kulturkampf

Wort erzeugen Gefühle. Worte zeigen eine Haltung. Worte können verletzen und schützen! Worte geben Geborgenheit. Worte führen in den Kampf. Worte sind Kultur. Worte geben Anlass zum Streit.

Die Sprache ist ein Kulturgut. Sie verbindet Menschen miteinander und ermöglicht die Kommunikation. Mit Völkern und Nationen hat das gar nichts zu tun. Sprachen werden übergreifend zur Kommunikation genutzt. Und noch viel wichtiger: Sprache ist sehr lebendig!

Über Jahrhunderte hinweg ändern sich Satzbau und Grammatik, Aussprache, Vokabeln verschwinden, neue kommen hinzu oder die Bedeutung verändert sich. Berücksichtigen wir dann noch die verschiednen Dialekte und Mundarten, wird es noch bunter. Diejenigen, die heute deutsch sprechen, könnten sich nur schwerlich mit Martin Luther verständigen. Diejenigen, die heute älter sind und deutsch sprechen, haben in ihrer Jugend bestimmte Worte verwendet, über die die damalige Elterngeneration nur mit dem Kopf geschüttelt hat. Das wiederholt sich in jeder Generation. Ich verwende das Wort „krass“ ganz anders als unsere Tochter. Ich schüttle nur nicht mit dem Kopf. Auch bei den Worten, deren Sinn ich überhaupt nicht zuordnen kann. Ich weiß um den Wandel und ich akzeptiere ihn. So einfach ist das Ihr Lieben Menschen des Vereins Deutsche Sprache. Und da gebe es noch mehr Germanistik-Schlaumeier:innen.

Kurze Anmerkung zu Vokabeln: Ich persönlich bedaure sehr, dass einzelne Worte sang und klanglos verschwinden. Sie werden brutal ersetzt. Denke an die Apfelsine und an den Sonnabend. Wie gesagt, ich bedaure es. Einen Kulurkampf führe ich deswegen nicht.

Ist der Kulturkampf wirklich nur eine intellektuelle Auseinandersetzung oder geht es um mehr? Ich fürchte, es geht den Bewahrer:innen immer noch um die uralte Machtfrage und die eigene Erhöhung. Opportunistische Politiker:innen schüren den Kulturkampf für ihre eigene Profilierung. Schade und dumm!

Jetzt wird es für Dich ernst

Wir lösen jetzt die Spiegelei-Frage auf. Klick doch bitte auf die Audio-Datei (ggf. bitte den Ton einschalten).

Wenn Du das sprechen kannst, kannst Du mitmachen! Wenn nicht, kannst Du das immer wieder hier üben.

Nichts muss. Alles kann.

Gendern soll keine Pflicht werden. Gendern soll und darf aber auch nicht verboten werden. Egal wo! Ob im öffentlich rechtlichen Rundfunk, in Behörden, Schulen … Freiwilligkeit ist doch klar. Irgendwann hat sich unser Sprachgefühl daran gewöhnt. Ich kann heute bereits einen gegenderten Vortrag halten. Im alltäglichen Sprechen rutscht es mir manchmal durch, fällt mir jedoch immer sofort auf.

Deine Entscheidung!

Du entscheidest für Dich, ob Du ohne Diskriminierung sprechen und schreiben möchtest. Klingt hart? Darunter geht es nicht. Es ist eben eine Sache des Respekts, der Wertschätzung und sogar der Höflichkeit. Selbstbewußte Menschen fordern dass mit Recht ein und mal ganz ehrlich, ist es so schlimm es zu probieren? Wenn Du den Spiegelei-Test bestanden hast, kannst Du mitmachen. Ja, es erfordert ein bisschen Übung und Bewusstsein. Du zeigst damit, dass Du Menschen – egal wie sie geschaffen sind – achtest und ernst nimmst.

Aber! Wenn Du nun darauf bestehst und nicht gendern und keinen Respekt zeigen magst, respektiere ich das! Das gehört zur gegenseitigen Freiwilligkeit!

Light-Version (Nachtrag)

Es gibt aber auch eine Light-Version für diskriminierungsfreies Sprechen. Auch das ist ein bisschen Gewöhnung, kommt aber gänzlich ohne Sternchen, Doppelpunkt … aus.

Beispiele:

  • Niemand möchte heutzutage mehr Bäcker:in werden.
    Im Backhandwerk fehlt es an Nachwuchs.
  • Bitte tragen Sie sich in die Liste der Teilnehmer:innen ein.
    Bitte tragen Sie sich in die Teilnahmeliste ein.
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