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Alles ist Gnade

Hinführung zum Glauben an die Auferstehung

Seit zwei Tagen kann ich im neuen Buch von Eugen Drewermann über den Römer-Brief des Apostels Paulus unter dem Titel „Alles ist Gnade“ lesen. Schon der Titel ist ein Glaubensbekenntnis in nuce. Wenn ich es so freimütig sagen darf: Immer, wenn Eugen Drewermann sich auf wesentliche Glaubensinhalte konzentriert, ist er am stärksten. Dann haben wir einen Theologen vor uns, der in mancherlei Hinsicht einzigartig ist. Ich habe bisher nur Kapitel 4d (>>Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes<< (Röm 8, 38-39) oder Wenn sich der Vorhang hebt) gelesen. Gelesen ist untertrieben, denn ich habe diese Zeilen an einem einzigen Tag regelrecht ‚verschlungen‘. Es ist wunderbar, wie Drewermann es immer wieder neu schafft, sich in die Haltung von Agnostikern und Skeptikern hineinzudenken und den Glauben auch – und gerade auch dort – (neu) zu ‚befestigen‘. Jenen Glauben, der in und mit der Kirche geglaubt und gelebt wird, wenn auch oftmals in ärmlicher Gestalt, eben in ‚irdenen Gefäßen‘. Ich danke auch dem Verlag herzlich dafür, dass er diesen Autor immer wieder auch zu Wort kommen lässt. Denn in wesentlichen Glaubenssachen hat Eugen Drewermann Wesentliches zu sagen! Das können einige Kernsätze aus dem Kapitel >>Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes<< (Röm 8, 38-39) oder Wenn sich der Vorhang hebt eindrucksvoll verifizieren. 

Wesentliches über wesentliche Glaubenssachen

„Wenn es so ist, zeigt sich dann nicht gerade überdeutlich, dass nur der Glaube an die Auferstehung wahr sein kann, weil einzig er es erlaubt, dass Menschen froh und voller Hoffnung die wenigen Jahre, die ihnen vergönnt sind, durchzustehen vermögen? Und muss man einen solchen Glauben wirklich nur deshalb in Frage stellen, weil er der tiefsten Sehnsucht der menschlichen Seele Erfüllung verheißt?“ [1] (267 f)

„Wollte man den Ursprung der Verzweiflung Don Manuels bei DE UNAMUNO [2] philosophisch einordnen, so ergibt er sich offenbar aus BARUCH DE SPINOZAS Gleichsetzung von Gott und Natur, – sein >>Deus sive natura<< ist durch die wachsende Monopolstellung der Naturwissenschaften gegenüber den Geisteswissenschaften längst zu der geheimen Glaubensformel der Gegenwart geworden. Diese Tendenz mag verständlich sein durch den praktischen Nutzen, den die fortschreitende Erkenntnis von Naturzusammenhängen mit sich bringt …keineswegs geht sie einher mit einem kulturellen Fortschritt…Sie selbst kennt keine Moral, so wenig wie die Natur selbst, die sie erforscht. Moral – sie bestünde darin, einen Menschen…stets zu betrachten als >>Zweck an sich selbst<<. Genau das aber kann …nur eine Person sagen, die absolut ist.“ (272)

„Der Glaube an Gott widerspricht nicht der Liebe zu den Menschen, er wird selbst durch sie beglaubigt, er ist das >>Wasser des Lebens<< für die in der Wüstenei der Welt Verdurstenden, und es ist keine irreführende Heuchelei, sondern ein Akt der Menschlichkeit, die Menschen zu bestätigen und zu bestärken in dem, was sie zum Leben brauchen. (273)

„Unsere Sehnsucht richtet sich ins Absolute und Unendliche; sie ist im Endlichen grundsätzlich unerfüllbar…Etwas sehr Wichtiges geht mit dieser Erfahrung reifender Liebe stets einher…Es reift dadurch das Wissen und Gespür für das, was Jesus mit seiner Botschaft von der Gottesherrschaft meinte und was sich Paulus als das Leben einer christlichen Gemeinde vorstellte. (276)

„Was wir unser Leben lang gesucht haben, jene Instanz, welche der Kontingenz unseres Daseins Begründung und Notwendigkeit im Absoluten verleiht, umfängt uns nunmehr ganz und gar…Diese Wahrheit ist nicht mehr die kalte Gleichgültigkeit der unpersönlichen Natur…Die Wahrheit Gottes als die Liebe im Grund des eigenen Daseins einzusehen, bedeutet unbedingt in aller Folge, sich selber und das Leben aller anderen in eben dieser Liebe anzuschauen. Nur darum und nur dafür sind wir da, dass wir aus Liebe für die Liebe leben.“ (278 f) 

Ekstatische Moment

Wer kann sich dieser Hinführung zum Glauben an die Auferstehung eigentlich in ‚intellektueller Redlichkeit‘ entziehen? Dabei habe ich mitunter beim Lesen gedacht, wo bleibt das ‚ekstatische Moment‘ der Liebe, worauf Karl Rahner immer aufmerksam gemacht, mitunter auch gewarnt hat, es zu missachten, u.a. in seinem frühen Aufsatz „Passion und Aszese“ mit den Worten: 

Wird der Mensch… nicht vielmehr der ewigen Versuchung verfallen…Gott nur das sein zu lassen, was die Welt ist, Gott zu machen nach dem Bilde des Menschen, Frömmigkeit zu fassen als Andacht zur Welt…?“[3] 

Die nachfolgenden Worte Eugen Drewermanns schieben dieser großen Gefahr im Glauben, das ekstatische Moment in der Liebe zu vernachlässigen, einen kraftvollen Riegel vor durch seine wunderbare ‚Kurzformel des Glaubens“: 

„Nur darum und nur dafür sind wir da, dass wir aus Liebe für die Liebe leben.“

Des Menschen Möglichkeiten sind nicht Gottes Möglichkeiten

Übrigens, Eugen Drewermann ist – noch einmal sei es gesagt – gerade auch bei diesen Aussagen im Besten der kirchlichen Tradition zu Hause. Ich bleibe, um auch dies noch einmal zu dokumentieren, bei Karl Rahner und seinem epochalen Hinweis: 

„Ist nicht dieser ewige Sündenfall in der Geschichte der Philosophie, nicht nur im Gebiet des Erkennens, der Ausdruck dessen, was im Leben des unerlösten Menschen existentiell immer aufs Neue geschieht: Gott nur das sein zu lassen, was die Welt ist, Gott zu machen nach dem Bilde des Menschen, Frömmigkeit zu fassen als Andacht zur Welt, die Möglichkeiten des Menschen nicht nach den Möglichkeiten Gottes zu bemessen, sondern nach dem, was der Mensch selbst von sich aus davon zu realisieren vermag? Aller Götzendienst ist nichts als der konkrete Ausdruck für die existentielle Haltung des Menschen, die aufbaut auf dem Entschluss, Gott nichts sein zu lassen als nur die ursprüngliche Einheit der Mächte, die diese Welt und die Schicksale des Menschen durchwalten. Und selbst die geistige Philosophie eines Hegels betet noch einen Götzen an, den absoluten Geist, der im Menschen und in seiner Wesensentfaltung sich selber findet. Und die tragisch-heroische Philosophie eines Heidegger hat auch ihren Götzen: Wenn der Mensch von sich allein aus nur zum Tode ist, dann muss für diese Philosophie eines letzten Ressentiments eben auch für alles und jedes der Tod das letzte sein: weil der Gott des Menschen für diese Philosophie nicht mehr sein darf als der Mensch selbst, betet sie den Tod als ihren Gott an, ist für sie das Höchste das Nichtigste; das Sein und das Nichts sind dasselbe“. [4]

Widerspruch des Unglaubens

Und auch Joseph Ratzinger ist eng mit Drewermann ‚verwandt‘, zumindest hier, in seiner „Einführung in das Christentum“ aus dem Jahr 1968, die er unverändert zur Jahrtausendwende neu auflegen ließ: 

„Der Glaubende wird immer wieder jenes Dunkel erleben, in dem der Widerspruch des Unglaubens ihn wie ein düsteres, unentrinnbares Gefängnis umgibt und die Gleichmütigkeit der Welt, die unverändert weitergeht, als ob nichts geschehen wäre, nur Hohn auf seine Hoffnung zu sein scheint. Bist du es wirklich-diese Frage müssen wir nicht nur stellen aus der Redlichkeit des Denkens heraus und wegen der Verantwortung der Vernunft, sondern auch aus dem inneren Gesetz der Liebe, die den mehr und mehr erkennen möchte, dem sie ihr Ja gegeben, um ihn mehr lieben zu können.“ [5]

Ein Gedankenexperiment

Noch ein kleines Gedankenexperiment: Wenn ich Eugen Drewermann an einen imaginären Tisch des Gespräches bitten würde, zusammen mit Karl Rahner und Joseph Ratzinger, könnte man von Drewermann beispielsweise in diesem Zusammenhang sicherlich folgendes hören bzw. lesen:  

Antlitz Gottes

„Die >>Heiligkeit<<, die ihm der Bischof…zuschreibt, ist abgerungen einem steten Selbstopfer, mit dem Don Manuel [6] allen ersparen möchte, zu wissen, was er selber weiß, seitdem er in das Antlitz Gottes als in das Gesicht der unverhüllten Wahrheit schauen durfte, schauen musste…Was er als >>Gottesantlitz<< schaute, war in Wahrheit nicht das Abbild Gottes als die Person, die diese Welt zur Schöpfung macht, sondern das unpersönliche Gesicht einer Natur, die in dem blinden Ablauf ihrer unerbittlichen Gesetze zwar Ursachen, doch keine Ziele kennt, zwar eine mathematisierbare Mechanik des Zusammenspiels ihrer Kräfte, doch weder Mitleid noch auch Menschlichkeit aufweist…

Jahwe, nicht auswechselbar

Wie also wäre es, Don Manuel hätte >>die Wahrheit<<, den tragenden Grund aller Dinge nicht erschaut in der katastrophalen Kälte der Natur … sondern in dem Antlitz eines väterlichen Gottes der Güte und der Gnade, wie Jesus ihn zu bringen kam? Es ist allein die Liebe zu den Menschen, die Don Manuel daran hindert, die von ihm erschaute >>Wahrheit<< den Mitgliedern seiner Gemeinde zu offenbaren; wie aber, er erblickte in dem jesuanischen Bild Gottes die eigentliche Wahrheit: er revidierte die pantheistische Identifikation von Gott und Natur und kehrte zurück zu dem personalen Gott Jahwe der jüdischen Bibel, der nicht auswechselbar ist mit der unpersönlichen, abstrakten und unverbindlichen >>Gottheit<< der >>Heiden>>? Dann gäbe seine Liebe zu den Menschen dem Glauben an einen liebenden Gott im Hintergrund der menschlichen Existenz vollkommen recht; ja, es würde ihm evident, dass eine >>Wahrheit<< nicht wahr sein kann, die das Leben erstarren lässt, indem sie die Bedingung des Lebens zur Illusion erklärt oder als Lüge diffamiert.

Akt der Menschlichkeit

Mithin: Der Glaube an Gott widerspricht nicht der Liebe zu den Menschen, er wird selbst durch sie beglaubigt, er ist das >>Wasser des Lebens<< für die in der Wüstenei der Welt Verdurstenden, und es ist keine irreführende Heuchelei, sondern ein Akt der Menschlichkeit, die Menschen zu bestätigen und zu bestärken in dem, was sie zum Leben brauchen. Das sieht auch Don Manuel so, gemeinsam mit Angelas Bruder Lazaro, jedenfalls im Umgang mit anderen Menschen; doch auch sie selbst sind Menschen, und sie sollten diese ihre Menschlichkeit im Grunde gleichermaßen auch im Umgang mit sich selber gelten lassen. Freilich: sie müssten dann den Wahrheitsanspruch der Naturwissenschaften existentiell relativieren. Die Erkenntnismethodik der Naturwissenschaft ist erfolgreich in ihrer Objektivität, doch eben deshalb unzuständig in der entscheidenden Frage nach dem Subjekt des Menschen; auf dessen Frage antwortet kein Wissen von irgendetwas anderem im Raume der Natur, auf sie antwortet einzig die Verdichtung der gesamten Existenz des Subjekts selbst im Glauben; und nirgendwo  ist sie so notwendig in wortwörtlichem Sinne wie in dem Augenblick, da alles sich in Frage stellt: in dem Moment, da der Tod seine Hand ausstreckt und aus der Frage, wer wir sind, die Frage wird, was von uns bleibt.“ [7]

Drewermann und Rahner

Wie ähnlich, ja oftmals sachlich-inhaltlich identisch ist Drewermanns Text mit der Aussage Karl Rahners aus dem Jahr 1949 (!), also vor nunmehr 76 Jahren: 

„Auch der christliche Tod bleibt nun wesentlich Passion, d. h. eine Bedrohung und Fragwürdigmachung des Gesamtbestandes des Menschen, ohne dass die eschatologisch gnadenhafte Rettung des ganzen Wesens dem Sterbenden als empirisch unmittelbar greifbare, erlebbare Wirklichkeit gegeben wäre. Dieses ewige Leben ist geglaubt und gehofft und steht gerade dort am meisten in der Situation des Glaubens und Hoffens und Noch-nicht-Habens, wo das ganze zu rettende Menschenwesen der personalen Verfügung und dem Besessensein durch den Menschen radikal entgleitet, nämlich im Tode. Damit aber wird der Tod, der die Situation der Verzweiflung und die Situation der Resignation des Menschen in den unbegreiflichen Gott hinein sein kann, auch die existentiell radikalste Situation des Glaubens und der Hoffnung.“ [8]


[1] Drewermann interpretiert hier den spanischen Autor Miguel de Unamuno „San Manuel Bueno“, Märtyrer, span. – dt. 

[2] Die eingeklammerten Ziffern geben die Seitenzahlen an aus Eugen Drewermann“Alles ist Gnade“, Ostfildern 2025

[3] Karl Rahner „Sämtliche Werke“ (SW) 7, S. 341 f

[4] SW 7, 342 – ursprünglich aus „Passion und Aszese“ – „Schriften zur Theologie“ von Karl Rahner, III, S.94f.

[5] Joseph Ratzinger-Benedikt XVI, „Einführung in das Christentum“, München 2000, unveränderte Neuausgabe von 1968 mit einem neuen einleitenden Essay

[6] Drewermann „Alles ist Gnade“, Ostfildern 2025, 271 ff – Drewermann interpretiert hier den spanischen Autor Miguel de Unamuno „San Manuel Bueno“, Märtyrer, span. – dt. 

[7] Drewermann „Alles ist Gnade“, Ostfildern 2025, 273

[8] Karl Rahner SW 7, S. 340